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Kurznachricht

20 Jahre Vogelgrippe „H5N1“ in Deutschland – Forschung und Monitoring bleiben zentral

AI Kurznachrichten

Das hochpathogene aviäre Influenzavirus (HPAIV) H5N1 entstand Mitte der 1990er-Jahre in der chinesischen Provinz Guangdong und verursachte erstmals 2002 am Qinghai-See in China ein massenhaftes Sterben von Wildvögeln, insbesondere von Streifengänsen. Seit 1997 bestand angesichts der Übertragbarkeit auf den Menschen (Zoonose-Todesfälle in HongKong) und der außergewöhnlich hohen Letalität die begründete Sorge, dass sich das Virus entlang von Zugvogelrouten weit über seinen ursprünglichen Entstehungsort hinaus bis nach Europa ausbreiten könnte. Mit der schrittweisen Ausbreitung nach Westen, insbesondere über Osteuropa ab Herbst 2005, verdichteten sich diese Befürchtungen zunehmend. 

Am „Valentinstag“, den 14. Februar 2006, wurden die schlimmsten Erwartungen schließlich Realität: HPAIV H5N1 erreichte erstmals Deutschland in einem eisigen Winter. Zwei tot aufgefundenen Singschwäne an der „Wittower Fähre“ auf Rügen waren PCR-positiv, zahlreiche weitere Wildvögel und die ersten Geflügelbestände folgten. Neben Wild- und Hausvögeln waren schon damals vereinzelt auch Säugetiere (ein Steinmarder und zwei Freigänger-Katzen) betroffen. Die Aufregung in der Bevölkerung war sehr groß; die Insel Rügen stand über Wochen hinweg im Zentrum der täglichen Berichterstattung und wurde durch umfangreiche Schutz- und Restriktionsmaßnahmen faktisch weitgehend abgeriegelt. Die Bundeswehr half mit und der ganze Landkreis war im Katastrophenmodus.  Unsicherheit prägte die öffentliche Debatte und das FLI geriet stark in den medialen Fokus. Zeitweise kreiste ein Hubschrauber des ZDF um die Insel Riems, wo sich der Hauptsitz des FLI befindet, und jeder kranke oder tote Wildvogel löste Alarm aus.

Es war aber auch die Prämiere des massiven Einsatzes der Real-Time PCR für die schnelle und sichere Diagnostik großer Probenzahlen im Rahmen eines solchen Ausbruchsgeschehens. Also weit vor der Massentestung in der SARS-CoV-2-Pandemie. Seitdem hat sich vieles weiter verändert: Die Diagnostik mittels Real-Time PCR wurde perfektioniert und Next-Generation-Sequencing (NGS) erlaubt das schnelle Erfassen ganzer H5N1-Genome in kürzester Zeit, so dass Prozesse wie die Subtypisierung, die früher fast eine Woche dauerten, heute meist innerhalb von 24-48 h abgeschlossen sind. Damit lässt sich der Weg des Virus präziser nachverfolgen, Risiken können besser eingeschätzt werden – insbesondere im Zusammenspiel von Umwelt, Wildvogelpopulationen und Biosicherheit in Nutztierhaltungen. Auch die Kommunikation ist professioneller geworden, Abläufe zwischen Behörden sind heute weitgehend harmonisiert. 

Aber auch das Virus hat sich immer weiter optimiert, sich global ausgebreitet, neue Kontinente erobert und immer wieder zu Ausbruchswellen in Europa und auch Deutschland geführt.

Damit bleibt das Thema „Vogelgrippe“ weiterhin hoch aktuell und hält immer wieder auch unerwartete Entwicklungen bereit, wie jüngere Ereignisse in den USA und den Niederlanden zeigten, bei denen HPAI H5N1 Viren Euterentzündungen bei Milchkühen verursachten; ein zuvor kaum vorstellbares Szenario, das zugleich die potenzielle Nähe von H5N1 zum Menschen noch einmal verstärkte.  Bei Wildvögeln zeigten sich die Auswirkungen Jahr für Jahr in wechselnden betroffenen herbst- und winterlichen Rastvogelarten: mal waren es Reiherenten, mal Weißwangengänse, dann Knutts– stets verbunden mit massenhaften Todesfällen. Auch im Sommer überdauerte das Virus und führte in Brutkolonien von Küstenvögeln zu erheblichen Verlusten, etwa bei Seeschwalben, Skuas oder Basstölpeln in Nordeuropa. Im Herbst und Winter 2025/26 verstarben allein in Deutschland und weiteren Teilen Europas Tausende Graukraniche. Auch im Geflügelsektor verursachte das Virus verheerende Verluste, führte nicht selten zu vorübergehend höheren Preisen für Geflügelprodukte und machte bestimmte Produkte z.B. in den USA oder Großbritannien zeitweise knapp oder gar nicht verfügbar. 

Der Schutz von Wildvogelpopulationen und Geflügelbeständen, wirtschaftliche Folgen sowie das Monitoring möglicher zoonotischer Risiken der HPAI Viren und der Schutz des Menschen stellen weiterhin große Herausforderungen dar. Zu diesen Themen forscht das FLI in vielen internationalen Verbundprojekten weiter intensiv. Es berät Entscheidungsträgerinnen und -träger in der Seuchenbekämpfung, erarbeitet optimierte diagnostische Konzepte, führt Daten zusammen und analysiert sie. Monatliche aktualisierte Risikoabschätzungen unterstützen Geflügelhaltende, Tierärztinnen und Tierärzte sowie Vogelschützende in der Bekämpfung und Prävention vor Ort.    

Tote Schwäne an der Eiskante der Neuendorfer Wiek auf Rügen, Februar 2006. (© Ingolf Stodian)

Tote Schwäne an der Eiskante der Neuendorfer Wiek auf Rügen, Februar 2006. (© Ingolf Stodian)

Auf der Insel Rügen totgefundener, beringter Singschwan mit Herkunft aus Riga/Lettland. (© Der Spiegel)

Auf der Insel Rügen totgefundener, beringter Singschwan mit Herkunft aus Riga/Lettland. (© Der Spiegel)

Massenhaft totgefundene Schwäne von der Insel Rügen im Jahr 2006 landeten in der Pathologie der Insel Riems (© FLI)

Massenhaft totgefundene Schwäne von der Insel Rügen im Jahr 2006 landeten in der Pathologie der Insel Riems (© FLI)

In der Sektion (© FLI)

In der Sektion (© FLI)

Virusfunde auf der Insel Rügen, eine Woche nach der ersten Feststellung von HPAIV H5N1 bei zwei Singschwänen am 14.02.2006. (© IfE, 2006)

Virusfunde auf der Insel Rügen, eine Woche nach der ersten Feststellung von HPAIV H5N1 bei zwei Singschwänen am 14.02.2006. (© IfE, 2006)