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Hantavirus-Erkrankungen in Deutschland

Gemeinsame Mitteilung von JKI, RKI, FLI und Nationalem Konsiliarlaboratorium für Hantaviren an der Charité auf den jeweiligen Homepages

04. März 2012


Rötelmaus (Foto: Ulrike Rosenfeld)
Rötelmaus (Foto: Ulrike Rosenfeld)

Wissenschaftler und Forstbehörden sehen Anzeichen für ein möglicherweise vermehrtes Auftreten von Hantavirus-Infektionen in diesem Jahr. Diese vor allem von Rötelmäusen übertragene Infektionskrankheit verläuft meistens mild mit grippeähnlichen Symptomen, in Einzelfällen kann es allerdings zu schweren Verlaufsformen mit Nierenfunktionsstörungen kommen, die durch Dialyse behandelt werden müssen. Buchen und Eichen vor allem in Baden-Württemberg, Hessen, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Thüringen trugen laut den Forstbehörden im letzten Jahr besonders viele Früchte („Vollmast“), was zu steigenden Rötelmauszahlen führen könnte. Das Friedrich-Loeffler-Institut und das Julius Kühn-Institut stellten in einer Studie in Baden-Württemberg im Herbst des vergangenen Jahres zudem eine hohe Rötelmausdichte fest, die in diesem Jahr zu einer massenhaften Vermehrung führen könnte. Das Robert Koch-Institut verzeichnet in den letzten Monaten auch einen Anstieg der nach Infektionsschutzgesetz an die Gesundheitsämter gemeldeten Hantavirus-Infektionen beim Menschen. In den meisten Jahren folgt auf einen Erkrankungsgipfel im Sommer ein Rückgang der Infektionen, der jedoch im vergangenen Herbst und Winter ausblieb. Vor dem Hantavirus-Ausbruchsjahr 2010 war zum Jahreswechsel 2009/2010 ein ähnliches Phänomen beobachtet worden. Betroffen sind insbesondere wieder Regionen mit bekannten Hantavirus-Endemiegebieten (z.B. die Schwäbische Alb, der Bayerische Wald, der Raum Osnabrück, das Münsterland).

Hantavirusinfektionen sind in Deutschland seit Mitte der 1980er Jahre bekannt. Seit Einführung der Meldepflicht für humane Hantavirusinfektionen im Jahr 2001 wurden durchschnittlich etwa 500 Fälle pro Jahr gemeldet. Europaweit erhobene Daten zeigen, dass in periodischen Abständen von 2-3 Jahren mit einer deutlich erhöhten Anzahl von Infektionen zu rechnen ist. In Deutschland wurden in den Jahren 2007 und 2010 mit 1688 und 2017 Fällen solche Zunahmen der Infektionen beobachtet. Diese Ausbrüche wurden vor allem durch ein Puumalavirus genanntes Hantavirus hervorgerufen, das von der Rötelmaus auf den Menschen übertragen wird. Die Ursachen für die starken Schwankungen der gemeldeten Fälle sind unklar. Wahrscheinlich ist ein Zusammenhang mit der Populationsgröße der Rötelmäuse und deren Durchseuchung mit Hantaviren gegeben. Starke Fruchtbildung (Mast) bei Buchen und anderen relevanten Baumarten spielt für die Populationsdynamik der Nagetiere eine zentrale Rolle. Ein durch die Buchenmast erhöhtes Nahrungsangebot verbessert die Überlebenswahrscheinlichkeit von Rötelmäusen im Winterhalbjahr. In extremen Fällen könnte es sogar zu einer Vermehrung im Winter mit entsprechend großen Nagetierpopulationen zu Beginn des folgenden Jahres kommen. Diese Ausgangspopulationen können sich dann ab Frühjahr weiter fortpflanzen und bei entsprechender Durchseuchung mit Hantaviren den Ausgangspunkt für Humaninfektionen darstellen.

Die Hantavirus-Erkrankung beim Menschen beginnt mit abrupt ansteigendem Fieber, Kopfschmerz und Schmerzen im Bereich des Rückens und Bauches. Oft treten auch Sehstörungen auf. Bei schweren Verläufen kommt es an den Folgetagen häufig zu Blutdruckabfall und Störungen der Funktion innerer Organe, insbesondere der Nieren. Bei der ärztlichen Blutuntersuchung fallen eine Verminderung der Blutplättchen (Thrombozyten) und eine Erhöhung des Serumkreatinins auf, im Urin lassen sich oft Eiweiß und rote Blutkörperchen nachweisen. Nach Überstehen der klinisch kritischen Phase heilt die Krankheit in der Regel folgenlos aus.

Eine spezifische Diagnostik erfolgt durch Nachweis von Antikörpern gegen das Hantavirus im Blut. Von besonderer Bedeutung für die Erforschung der Infektion ist die Analyse des genetischen Materials des Virus, das im Blut des Patienten nur in den ersten 1-3 Krankheitswochen vorkommt. Behandelnde Ärzte und Diagnostiklabore werden gebeten, dazu mit dem Nationalen Konsiliarlaboratorium für Hantaviren an der Charité Kontakt aufzunehmen.

Weitere Hinweise und Tipps zur Prävention enthält das Merkblatt „Informationen zur Vermeidung von Hantavirus-Infektionen“, welches auf der Homepage von Charité, FLI, JKI und RKI erhältlich ist.

Grafik: Cases of hantavirus disease in Germany notified since 2001
Abb. 1: Cases of hantavirus disease in
Germany notified since 2001 according
to the reference definition; Source:
Robert Koch Institut, SurvStat,
http://www3.rki.de/SurvStat,
Datenstand: 4. August 2010
© Robert Koch Institut

04. August 2010: In diesem Jahr wurden bis zum 4. August insgesamt 1.318 labordiagnostisch bestätigte Fälle von Hantavirus-Erkrankungen registriert, wobei die Mehrzahl der Fälle auf Baden-Württemberg (739) und  Bayern (249) entfielen, gefolgt von Nordrhein-Westfalen (98), Hessen (94) und Niedersachsen (76) (Robert Koch-Institut: SurvStat, http://www3.rki.de/SurvStat, Datenstand: 4. August 2010). Bisher traten in Deutschland im Jahr 2007 mit insgesamt 1.688 gemeldeten Fällen die meisten Hantavirus-Erkrankungen auf; in den Folgejahren 2008 und 2009 wurden mit 243 bzw. 181 Fällen deutlich weniger registriert (Abb. 1).

Über die Ursachen der in diesem Jahr (und im Jahr 2007) beobachteten deutlichen Erhöhung der Zahl gemeldeter Fälle kann im Moment keine verlässliche Aussage gemacht werden. Möglicherweise spielt eine starke Vermehrung der Rötelmaus in diesem Jahr infolge einer Buchenmast im vergangenen Jahr eine Rolle bei dem Anstieg der Fallzahlen. Hierzu laufen derzeit in einem Kooperationsprojekt erstmals Langzeitstudien zur Populationsdynamik der Rötelmaus, deren Durchseuchung mit dem Puumalavirus (einem der drei Virustypen bei Nagern in Deutschland) und der Häufigkeit humaner Infektionen. Im Rahmen dieser Untersuchungen soll ein langfristiges Monitoringprogramm entwickelt werden, das zukünftig die rechtzeitige Erkennung von Hinweisen für eine erhöhte Infektionsgefährdung der Bevölkerung erlauben soll. Projektpartner sind das Julius Kühn-Institut, das Friedrich-Loeffler-Institut, das Robert Koch-Institut, das Nationale Konsiliarlaboratorium für Hantaviren am Institut für Virologie der Charité, das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg, das Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr und das Büsgen-Institut der Universität Göttingen.

Hantaviren zählen zu den „emerging viruses“, ihre Bedeutung als humanpathogene Erreger nimmt zu. Hantaviren werden als Zoonoseerreger aus dem Tierreich in die menschliche Bevölkerung eingeschleppt. Die Infektion des Menschen mit Hantaviren erfolgt üblicherweise durch Übertragung von viruskontaminierten Ausscheidungen infizierter Nagetiere. Die virushaltigen Ausscheidungen der Tiere werden vom Menschen eingeatmet, die Erreger können aber in seltenen Fällen auch direkt durch den Biss eines infizierten Tieres weitergegeben werden. Neben den Nagern kommen auch andere Kleinsäuger (Insektenfresser wie Spitzmäuse und Maulwürfe) als Hantavirus-Reservoire in Betracht. 

Abb. 2: Nagetier-Reservoirwirte von Hantaviren in Deutschland
Foto: Rötelmaus
Abb. 2 a: Rötelmaus
(Foto: Ulrike Rosenfeld, FLI)

In Deutschland kommen 3 Nagetier-assoziierte Virustypen vor. Das von der Rötelmaus (Abbildung 2 a) übertragene Puumalavirus ist für die überwiegende Zahl an Hantavirus-Infektionen und für die auch gegenwärtig beobachtete erhöhte Fallzahl in Süd- und Westdeutschland verantwortlich. 

Foto: Brandmaus
Abb. 2 b: Brandmaus
(Foto: Dr. Boris Klempa, Institut für Medizinische Virologie,
Berlin und Institut für Virologie, Bratislava)

Im Norden und Osten des Landes ist außerdem das Dobrava-Belgrad-Virus, das von der Brandmaus (Abbildung 2 b) übertragen wird, Verursacher humaner Infektionen. 

Foto: Feldmaus
Abb. 2 c: Feldmaus
(Foto: Ulrike Rosenfeld, FLI)

Außerdem kommt in Deutschland das Tulavirus vor, das von der Feldmaus (Abbildung 2 c) und vermutlich der Erdmaus übertragen wird, beim Menschen aber sehr wahrscheinlich keine oder sehr selten Krankheitssymptome hervorruft.

Der klinische Verlauf einer Hantavirus-Infektion ist typischer Weise vor allem durch hohes Fieber, Kopf-, Rücken- und Bauchschmerz, Blutdruckabfall und Nierenfunktionsstörungen gekennzeichnet. In einigen Fällen lassen sich auch extrarenale Manifestationen der Hantavirus-Infektion beobachten, wobei es sich hierbei zumeist um eine Begleithepatitis oder eine Lungenbeteiligung handelt. Viele Krankheitsfälle werden jedoch gar nicht als solche erkannt, weil bei akutem Nierenversagen entweder nicht an diese infektiöse Ursache gedacht wird oder die technischen Voraussetzungen für eine entsprechende Virusdiagnostik fehlen.

Personen, die in bekannten Endemiegebieten wohnen und durch ihren Beruf oder ihre Wohn- und Lebensumstände Kontakt mit Nagetieren und ihren Ausscheidungen haben, weisen ein erhöhtes Infektionsrisiko auf. Risikofaktoren für die Übertragung von Hantaviren vom Reservoirtier auf den Menschen sind Tätigkeiten in Wald und Feld sowie auf dem Bau, Wohnen in der Nähe von Wäldern und Parks sowie insgesamt ein erhöhter Kontakt zu Mäusen und ihren Ausscheidungen. Da bisher keine Schutzimpfung und auch keine kausale antivirale Therapie verfügbar sind, kommt der Expositionsprophylaxe besondere Bedeutung zu.

Der beste Schutz vor Infektionen besteht im Vermeiden von Kontakten mit den Ausscheidungen von Nagetieren. Dazu gehört die Verhinderung eines Eindringens von Mäusen in menschliche Wohnbereiche, aber auch in deren nähere Umgebung (z. B. durch Vermeidung des Ansammelns von Nahrungsresten in der Nähe von Wohnhäusern). Auch Bauern und Gestütsmitarbeiter sollten besonders auf die Verhinderung der Mäuseansiedlung und die Beseitigung von Mausnestern in den Stallungen achten (dabei Benutzung von Handschuhen und Mundschutz, Vermeidung des Aufwirbelns von Mäuseausscheidungen, Desinfektion).

Infektionsgefahr besteht auch beim Öffnen und Reinigen von Sommerhäusern nach der Winterpause, diese sollten zunächst gut durchlüftet werden, ehe (gegebenenfalls unter denselben Sicherheitsbedingungen wie in Stallungen) die Reinigung durchgeführt wird.


Weitere Informationen finden Sie auf dem  Merkblatt „Wie vermeide ich Hantavirusinfektionen“ und unter den unten aufgeführten Links:

Autoren:

  • Detlev H. Krüger (IMV, Charité Berlin)
  • Rainer G. Ulrich (FLI, Greifswald-Insel Riems)
  • Jens Jacob (JKI, Münster)