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Institut für bakterielle Infektionen und Zoonosen (IBIZ)

Nationales Referenzlabor für durch Zecken übertragene Krankheiten

Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und Lyme-Borreliose sind die bedeutendsten Krankheiten, die in Deutschland und auch Europa durch Zecken übertragen werden. Zecken können aber noch viele weitere humanpathogene Viren, Bakterien und Parasiten in sich tragen. In den Zecken Europas findet man z.B. Viren aus 6 Familien mit 8 Genera und 35 Spezies, wobei die Familien der Flavi-, Bunya- und Reoviridae mit den Genera Flavivirus, Nairovirus und Orbivirus die meisten Vertreter stellen. Eine besondere Bedeutung bei den Viruserkrankungen haben die FSME, das Omsker Hämorrhagische Fieber, die Louping-ill-Krankheit und das Krim-Kongo Hämorrhagische Fieber. 

Bei den bakteriellen und parasitären Zecken-übertragenen Krankheiten in Mitteleuropa müssen die Lyme Borreliose, das Rückfallfieber, die Tularämie, die Anaplasmose bzw. die Ehrlichiosen und die Rickettsiosen, einschließlich des Q-Fiebers sowie die Babesiose genannt werden.

Zecken sind Arachniden (Spinnentiere) und gehören im engeren Sinne zu den Acariden (Milben). Sie gehören taxonomisch zu zwei Familien, den sog. Ixodidae (Schildzecken, hard ticks) mit einem dorsalen Schild (Scutum) und den sog. Argasidae (Lederzecken, soft ticks). Prototyp für erstere Familie ist Ixodes ricinus, der Gemeine Holzbock, der durch seine Ausrüstung mit sehr effektiven Sinnesorganen und Mundwerkzeugen zu erstaunlichen Leistungen befähigt ist und hinsichtlich der Übertragung von Erregern die wichtigste Zeckenspezies ist. Im Baltikum und Osteuropa hat Ixodes persulcatus eine besondere Bedeutung. 

Ixodes-Zecken benötigen jeweils eine Blutmahlzeit, um sich von der aus dem Ei geschlüpften Larve zur Nymphe und schließlich zum adulten Tier weiterzuentwickeln. 

Prototyp für die zweite Zeckenfamilie in Europa ist die Taubenzecke Argas reflexus, die von oben einem undifferenzierten häutigen Sack gleicht und ventral Mundwerkzeuge besitzt. Jedoch besitzen die Ixodidae die weitaus größere human- und veterinärmedizinische Bedeutung. 

Die FSME ist die bedeutendste durch Zecken übertragene Viruserkrankung Europas und eine klassische virale Zoonose. Die FSME kommt in Europa in allen Ländern außer im Vereinten Königreich, auf der Iberischen Halbinsel und in den Beneluxstaaten autochthon vor, wobei die Erkrankungsinzidenz in den einzelnen Risikogebieten sehr unterschiedlich sein kann. Der Erreger ist ein in der Regel durch Zeckenstich übertragenes humanpathogenes Flavivirus. Andere Flaviviren, z.B. das Gelbfiebervirus, werden auch durch Mücken übertragen. Gelbfieber ist in Deutschland nur von reisemedizinischer Bedeutung. 

In Deutschland sind humane FSME-Fälle meldepflichtig, es erkranken jährlich etwa 250 Patienten, rund 30 Prozent davon schwer. Bei dieser Patientengruppe geht das erste, Influenza-ähnliche Krankheitsstadium nach einem fieberfreien Intervall von einigen Tagen in eine ZNS-Manifestation über. Meningitiden, Enzephalitiden und Radikulitiden bzw. deren klinische Mischformen sind die Folge. Die Mehrzahl der Erkrankungen tritt in Bayern und Baden-Württemberg auf, Einzelerkrankungen kommen aber auch in anderen Bundesländern vor. Das Robert Koch-Institut veröffentlicht jährlich eine Karte der aktuellen FSME-Risikogebiete in Deutschland.

Im Bereich der Veterinärmedizin ist die klinische FSME beim Hund mit einer neurologischen Symptomatik seit mehr als 30 Jahren bekannt. Die FSME ist beim Hund eine eher seltene Erkrankung. Die klinischen Verläufe sind sehr unterschiedlich und können von subklinisch bis perakut-letal auftreten. Die FSME des Hundes ist in den meisten Endemiegebieten der FSME beobachtet worden, so auch in Deutschland. Ein für die Anwendung am Hund zugelassener Impfstoff existiert nicht, insofern kommt der Vermeidung von Zeckenstichen beim Hund prophylaktisch die größte Bedeutung zu. Selten wird eine FSME des Pferdes beschrieben sowie die der Gemse (Rupicapra rupicapra). 2006 gelang der Nachweis einer FSME beim Affen nach natürlicher Exposition in einem FSME-Risikogebiet in Süddeutschland.

Das FSME Virus zirkuliert zwischen vektorkompetenter Zecke und kompetentem Wirt in sogenannten Naturherden oder Risikogebieten, deren geographische Ausdehnung in der Regel scharf begrenzt ist und sehr klein sein kann. Das ist anders als bei Borrelia burgdorferi s. l., dem Erreger der Lyme-Borreliose, der ubiqutär in Deutschland dort endemisch ist, wo der Gemeine Holzbock, Ixodes ricinus, auftritt.

Kompetente Wirte bzw. das eigentliche Virusreservoir in den Naturherden bilden Kleinsäuger, z. B. bestimmte Mauspopulationen (Apodemus flavicollis, A. sylvaticus, Clethrionomys glareolus), aber auch Igel (Erinaceus europaeus) und Maulwurf (Talpa europea), die auf Grund ihrer ausgeprägten virämischen Phase immer wieder zur Virusübertragung auf die Zecke während der Blutmahlzeit beitragen und somit das Virus im Habitat halten, wozu aber auch die transovariale Übertragung und das sogenannte Co-feeding-Phänomen beitragen. Für diese Wirte ist das FSME-Virus apathogen. 

Nutztiere wie Ziege, Schaf und Rind bilden geeignete Wirte insbesondere für Adultstadien von I. ricinus, sind für die Übertragung des Virus auf die Zecke aber vermutlich von geringer Bedeutung, da sie nur eine geringgradige Virämie ausbilden. Insbesondere Ziege und Schaf, seltener die Kuh, haben jedoch für die sogenannte alimentäre FSME eine Bedeutung. Während der virämischen Phase der Tiere gelangt das Virus auch in die Milch und kann dann bei fehlender Pasteurisierung oder durch Käsezubereitungen aus Rohmilch oral aufgenommen werden und auf diesem Wege zu einer FSME-Erkrankung führen. Einzelfälle oder kleinere Gruppenerkrankungen des Menschen können die Folge sein. In der Slowakei, Litauen, Lettland, Polen, Russland, Ungarn und Österreich sind in den letzten Jahren Fälle von alimentärer FSME bekannt geworden, diese Erkrankungsform ist jedoch in Deutschland in den letzten Jahrzehnten nicht relevant gewesen. 

Weide- (Ziege, Schaf, Rind, Pferd) und Wildtiere (Fuchs, verschiedene Kleinsäuger) sind als Sentinels über Serosurveillance-Untersuchungen oder durch Virusnachweis zur Charakterisierung von FSME-Naturherden mit gutem Ergebnis verwendet worden. Damit kann die nähere Charakterisierung eines lokalen FSME-Naturherdes unterstützt werden, der allein über den Virusnachweis in Zecken auf Grund der sehr geringen Virusprävalenz häufig nicht zu erbringen ist. 

Personen, die in Risikogebieten leben oder in diese einreisen und somit ein Zeckenstichrisiko haben, können Erkrankungen an FSME über eine Impfung vermeiden. Es sind gut verträgliche und wirksame Impfstoffe für die Anwendung bei Erwachsenen und Kindern verfügbar. Die individuelle Beratung sollte vom Hausarzt vorgenommen werden.

Darüber hinaus vermindert die Verwendung zeckenabwehrender Mittel (Repellentien) und die rasche Entfernung der angesogenen Zecken, vor allem aber das Absuchen und Entfernen ungesogener Zecken nach Verlassen der Habitate das Infektionsrisiko.

Die Borreliose wird von den Experten (auch in der Veterinärmedizin) zu den „emerging bacterial zoonoses“ gerechnet. Der Wissensstand zur Klinik und Diagnostik im Bereich der Veterinärmedizin ist bisher gering und Fallzahlen bei Tieren sind deshalb vermutlich unterrepräsentiert.

Ixodes ricinus ist ein in den Naturherden sehr weit verbreiteter Ektoparasit, der bei der Blutmahlzeit an Wirbeltieren durch die Reinfundierung von Wasser u. a. auch Borrelia burgdorferi s.l. an diese überträgt. Reservoirwirte sind dabei hauptsächlich Kleinsäuger und Vögel, die Borrelien im Habitat halten. Darüber hinaus werden von Zecken auch Wildtiere attackiert, die dann häufig Borrelia-seropositiv werden. Diese Seropositivität gibt aber in der Regel keinen Hinweis auf pathophysiologische Wirkungen der Borrelien. 

Haus- und Nutztiere, insbesondere Weidetiere, aber auch Heimtiere, werden ebenfalls häufig von Borrelien-haltigen Zecken für die Blutmahlzeit genutzt. Hinsichtlich Erkrankung und Leistungseinbußen ist hier die Situation differenzierter zu sehen. Es treten sowohl klinische Erkrankungen als auch seropositive Tiere ohne Klinik auf, wobei die Beurteilung wegen der wenig spezifischen Symptomatik häufig schwierig ist. 

Nach dem bisherigen Wissensstand, der in der Veterinärmedizin im Vergleich zur Humanmedizin deutlich geringer ist, treten klinische Erkrankungen durch Borrelia burgdorferi s. l. bei Pferd (Esel), Hund und Rind auf. Die Situation bei Schaf und Katze sowie bei Zootieren ist unklar bzw. noch zu wenig untersucht. Bei Ziegen wurden Antikörper gefunden, eine Klinik aber bisher nicht beobachtet, auch Wildschweine sind ohne pathophysiologische Hinweise serologisch positiv gefunden worden. Fasane sind, wie auch andere Vögel, Reservoirwirte, eine Klinik gibt es hier wahrscheinlich nicht. 

Die Klinik der Borreliose bei Tieren ist noch zu wenig bearbeitet, um klare Aussagen treffen zu können. Meist sind Arthritiden (Lahmheit) zu sehen. Diese und weitere klinische Affektionen werden kontrovers diskutiert, Schwellungen der regionären Lymphknoten bei experimentell infizierten Hunden sind beschrieben worden, ein Erythema chronicum migrans tritt bei Hunden auf, ebenso eine Nieren- und Herzbeteiligung bei der Erkrankung. 

Pferde zeigen Arthritiden und Herzbeteiligung, seltener auch Infektionen der Augen und Enzephalitiden (Neuroborreliose). 

Die Lyme Borreliose bei Rindern wird verbunden mit Lahmheit, Gewichtsverlust und Aborten, die Erregerisolierung aus klinischem Material gelingt manchmal (Borrelia burgdorferi sensu stricto, Borrelia afzelii). Serokonversionen wurden nachgewiesen, ebenso der Erfolg einer Tetrazyklintherapie.

Für eine Falldefinition der Lyme Borreliose bei Tieren reichen die bisher bekannten Fakten bei Tieren, wie klinische Symptome, Verfügbarkeit und Interpretation  labordiagnostischer Parameter und Therapiemöglichkeiten noch nicht aus. 

Die Übertragung von Borrelia burgdorferi vom Tier auf den Menschen ist ungeklärt. 

Die Relevanz von Borrelia burgdorferi s. l. in Milch (alimentäre Borreliose ?) ist unbekannt, vermutlich ist Milch infizierter Rinder nicht infektiös. 

Die Diagnose Borreliose wird in der Humanmedizin klinisch gestellt und labordiagnostisch untermauert, dies müsste in der Veterinärmedizin ähnlich praktiziert werden. Bei den bisherigen lückenhaften klinischen Erfahrungswerten ist dies sicher derzeit noch nicht möglich. Somit hat die Labordiagnostik in der Veterinärmedizin derzeit einen höheren Stellenwert, wenngleich von den Ergebnissen häufig keine pathophysiologischen Hinweise abzuleiten sind. Dennoch sollten sowohl das klinische Bild als auch die Zeckeninfestation zur Diagnosestellung mit herangezogen werden.

  • Beratung zur Biologie von Zecken, Zeckenstich-Prophylaxe 
  • Beratung zu durch Zecken übertragenen Krankheiten 
  • FSME Virus-Nachweis in Zecken (realtime-RT-PCR), Antikörpernachweis in Seren von Tieren (nach Absprache) 
  • Hilfe bei speziellen diagnostischen Fragen (PCR, Sequenzierung, Serologie) 
  • Abgabe nicht kommerziell erhältlicher diagnostischer Reagenzien an Untersuchungseinrichtungen